Prix de la jeunesse
Und dann redet man über Filme. Es ist spät geworden. Oder früh. Und es ist kühl geworden. Und es wird langsam wieder hell. Man hat das gar nicht gemerkt. Die ganze Zeit geredet. Kaskaden über Hände, über Schuhe und Hosen und Getränke und Frisuren und dann über Bands und dann über Leute und Orte. Hat heimlich verglichen, unbewusst ein paar Namen gestreut, hat gehorcht ob und wenn ja und wann und wie und dann wird es irgendwo da hinten schon wieder hell und man läuft rum, sitzt auf einer Mauer, sitzt auf einer Wiese, geht unten am Fluss lang und es ist kühl geworden und eigentlich könnten wir, nein eigentlich sollten wir, also wie wäre es mit Kino irgendwann sehr bald.
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Mein Lieblingsfilm heißt “Boy meets Girl”. Er ist von Leos Carax. Er ist von 1984. Und er lief irgendwann mal im Fernsehen. Ich glaube das war Zufall mit dem Film. Er war schwarz-weiß. Und – auch wenn sich das selten dämlich anhört – so besonders. Er spielt in Paris. Es ist Nacht und dunkel und es muss unglaublich heiß sein. Dieser Hauptdarsteller hat ein unfassbares Sakko mit schwarz-weißen Karos an und er hat ein Tonbandgerät zum umhängen mit riesigen Kopfhörern. Es ist zu heiß und es ist Nacht und es ist Paris. In seinem blöden kargen Zimmer ist nur ein Tisch und ein Bett und ein Kühlschrank. Und er sitzt da vor diesem geöffneten Kühlschrank der ihn kühlt und er trinkt Milch aus einer Glasflasche. Und eigentlich reicht das schon. Denn noch nie hat jemand so Milch getrunken. Also niemand seit vielleicht James Dean. Und dann läuft er so rum. Alex. Er läuft rum, weil es viel zu heiß ist. Natürlich muss man da rumlaufen. Mit seinem albernen Sakko und seinem albernen Tonbandgerät und dann hört er und dann hören wir und dann hören alle dieses eine Lied von David Bowie. Ein Lied von David Bowie als dieser noch jung und vorsichtig und zerbrechlich ist und von Träumen singt und davon dass er einen Drachen töten wird für ein Mädchen, auf einem goldenen Pferd auf dem Weg zum Schloss. Und trotz Schloss und trotz Pferd und trotz Drachen hört sich das vollkommen unkitschig an. Und schön. Und man will das eigentlich auch. Und man könnte den Rest des Tages seufzen. Egal. Also. Alex läuft rum und auf einer dieser 5000 Brücken die in Paris über die Seine führen, auf dieser Brücke steht ein Paar. Und Alex steht da. Wie ein neugieriger Vogel. Legt den Kopf schief, schaut sich das an. Und so sieht es aus. Ein Schauspiel. Weil die beiden sich ansehen, sich zum Kuss vereinen und dann fangen sie auch noch an sich zu drehen. Auf der Stelle, wie auf einem Käseteller, wie auf einer Eisfläche. Sie drehen sich und die Kamera dreht sich mit und David Bowie singt und Alex guckt und wir gucken mit und für mich ist das eine der besten Szenen die ich jemals gesehen habe und dann? Wirft Alex, der wir ist, den beiden eine handvoll Münzen hin. Was für eine Geste.
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Leos Carax, der eigentlich irgendwie anders heißt, ist 24 als “Boy meets Girl” rauskommt. Es ist sein erster Langfilm und ich glaube es ist ein bisschen so wie bei ersten Romanen in die man als Autor alles reinpacken will, weil man gleich und sofort alles erzählen will, weil man ungeduldig ist und keine Zeit mehr hat, weil es einem die Luft zum atmen nimmt und weil die Botschaft raus muss und all das Wissen und all die Wut und all das was sich angestaut hat - in Kinderzimmern, Jugendzimmern, in Landschulheimen und Kaufhäusern, auf Freizeitfahrten, an Kaffeetafeln und Bushaltestellen. Ein absonderliches Sammelsurium, ein verschlungenes Referenzsystem aus Halbsätzen, Lieblingsliedern und Buchpassagen. All das streut Carax in diesen Film, verteilt großzügig und bleibt dabei auch noch unfassbar lässig.
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Ich habe den Film auf einer Videocassette irgendwo. Ich glaube der Anfang ist mit irgendeinem anderen Kram überspielt worden. Ich habe den Film seit Jahren nicht mehr gesehen. Nur so ein paar Szenen bei YouTube, aber eigentlich speist sich das alles aus der Erinnerung. Einer Erinnerung die man mit manchen Leuten teilt.
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B-U-R-I-A-N-A-C-K gehört dazu. Denn Alex läuft immer noch rum, wir sind jetzt in irgendeiner Bar und da flippern so Asiaten und dieser Flipper macht unfassbare Geräusche und ein Mann steht in einer Telefonzelle. B-U-R-I-A-N-A-C-K sagt er. Das ist sein Name. Er buchstabiert ihn. Offenbar will diese Person am anderen Ende der Leitung das nicht kapieren. B-U-R-I-A-N-A-C-K sagt er. Und dann. B wie B-U-R-I-A-N-A-C-K. U wie U-R-I-A-N-A-C-K. R wie R-I-A-N-A-C-K. I wie I-A-N-A-C-K und so weiter. Das ist sehr sehr lustig. So lustig, dass sich das eingefräst hat in mein Gehirn. Ich muss da sehr oft dran denken. Funktioniert natürlich trotzdem nicht das jemandem jetzt zu vermitteln. Ist wahrscheinlich auch gar nicht so lustig. Aber das ist egal. Denn Boy meets Girl ist mein Lieblingsfilm.
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Leos Carax hat neulich in Harmony Korines Mister Lonely ein Charly-Chaplin-Look-a-Like gespielt. Er hat mit Michel Gondry und Bong Joon-Ho einen Film über Tokyo gedreht und in seinem Wikipedia-Eintrag steht schon sehr lange, dass er an einem Film arbeitet der Scars heißen soll.
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Es ist 2010. Ich könnte noch auf ein paar Sachen eingehen. Die weiteren Filme. Der endlose Entstehungprozess von den Liebenden von Pont-Neuf. Juliette Binoche, das Ende musste umgeschrieben werden, musste positiver werden, die Filmfirma wollte das so. Pola X, in Cannes mochte man den, sonst offenbar nicht, basiert auf einem Stück von Melville. Catherine Deneuve spielt da mit. Sie ist eine der tollsten Frauen der Welt. Carax verschwindet. Dreht für ein Filmfest in Wien einen Ein-Minuten-Film. Er wird darum gebeten. Den gibt es bei Youtube. Den kann man sich anschauen. Wenn man ein bisschen sucht, dann findet man im Moment auch Boy meets Girl. Und zwar ganz. In Stücke geschnitten. Es ist 2010. Wieso sollen wir ins Kino gehen.
Der Text war für so ein anderes Magazin. Keine Ahnung ob es das inzwischen auf Papier gibt. Ich hab das Bild da oben entliehen. Ich hoffe, das ist okay Vinzenz?!
