NEUE PROBLEME

Das Magazin mit heissen Geschichten

Prix de la jeunesse

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Und dann redet man über Filme. Es ist spät geworden. Oder früh. Und es ist kühl geworden. Und es wird langsam wieder hell. Man hat das gar nicht gemerkt. Die ganze Zeit geredet. Kaskaden über Hände, über Schuhe und Hosen und Getränke und Frisuren und dann über Bands und dann über Leute und Orte. Hat heimlich verglichen, unbewusst ein paar Namen gestreut, hat gehorcht ob und wenn ja und wann und wie und dann wird es irgendwo da hinten schon wieder hell und man läuft rum, sitzt auf einer Mauer, sitzt auf einer Wiese, geht unten am Fluss lang und es ist kühl geworden und eigentlich könnten wir, nein eigentlich sollten wir, also wie wäre es mit Kino irgendwann sehr bald.

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Mein Lieblingsfilm heißt “Boy meets Girl”. Er ist von Leos Carax. Er ist von 1984. Und er lief irgendwann mal im Fernsehen. Ich glaube das war Zufall mit dem Film. Er war schwarz-weiß. Und – auch wenn sich das selten dämlich anhört – so besonders. Er spielt in Paris. Es ist Nacht und dunkel und es muss unglaublich heiß sein. Dieser Hauptdarsteller hat ein unfassbares Sakko mit schwarz-weißen Karos an und er hat ein Tonbandgerät zum umhängen mit riesigen Kopfhörern. Es ist zu heiß und es ist Nacht und es ist Paris.  In seinem blöden kargen Zimmer ist nur ein Tisch und ein Bett und ein Kühlschrank. Und er sitzt da vor diesem geöffneten Kühlschrank der ihn kühlt und er trinkt Milch aus einer Glasflasche. Und eigentlich reicht das schon. Denn noch nie hat jemand so Milch getrunken. Also niemand seit vielleicht James Dean. Und dann läuft er so rum. Alex. Er läuft rum, weil es viel zu heiß ist. Natürlich muss man da rumlaufen. Mit seinem albernen Sakko und seinem albernen Tonbandgerät und dann hört er und dann hören wir und dann hören alle dieses eine Lied von David Bowie. Ein Lied von David Bowie als dieser noch jung und vorsichtig und zerbrechlich ist und von Träumen singt und davon dass er einen Drachen töten wird für ein Mädchen, auf einem goldenen Pferd auf dem Weg zum Schloss. Und trotz Schloss und trotz Pferd und trotz Drachen hört sich das vollkommen unkitschig an. Und schön. Und man will das eigentlich auch. Und man könnte den Rest des Tages seufzen. Egal. Also. Alex läuft rum und auf einer dieser 5000 Brücken die in Paris über die Seine führen, auf dieser Brücke steht ein Paar. Und Alex steht da. Wie ein neugieriger Vogel. Legt den Kopf schief, schaut sich das an. Und so sieht es aus. Ein Schauspiel. Weil die beiden sich ansehen, sich zum Kuss vereinen und dann fangen sie auch noch an sich zu drehen. Auf der Stelle, wie auf einem Käseteller, wie auf einer Eisfläche. Sie drehen sich und die Kamera dreht sich mit und David Bowie singt und Alex guckt und wir gucken mit und für mich ist das eine der besten Szenen die ich jemals gesehen habe und dann? Wirft Alex, der wir ist, den beiden eine handvoll Münzen hin. Was für eine Geste.

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Leos Carax, der eigentlich irgendwie anders heißt, ist 24 als “Boy meets Girl” rauskommt. Es ist sein erster Langfilm und ich glaube es ist ein bisschen so wie bei ersten Romanen in die man als Autor alles reinpacken will, weil man gleich und sofort alles erzählen will, weil man ungeduldig ist und keine Zeit mehr hat, weil es einem die Luft zum atmen nimmt und weil die Botschaft raus muss und all das Wissen und all die Wut und all das was sich angestaut hat -  in Kinderzimmern, Jugendzimmern, in Landschulheimen und Kaufhäusern, auf Freizeitfahrten, an Kaffeetafeln und Bushaltestellen. Ein absonderliches Sammelsurium, ein verschlungenes Referenzsystem aus Halbsätzen, Lieblingsliedern und Buchpassagen. All das streut Carax in diesen Film, verteilt großzügig und bleibt dabei auch noch unfassbar lässig.

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Ich habe den Film auf einer Videocassette irgendwo. Ich glaube der Anfang ist mit irgendeinem anderen Kram überspielt worden. Ich habe den Film seit Jahren nicht mehr gesehen. Nur so ein paar Szenen bei YouTube, aber eigentlich speist sich das alles aus der Erinnerung. Einer Erinnerung die man mit manchen Leuten teilt.

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B-U-R-I-A-N-A-C-K gehört dazu. Denn Alex läuft immer noch rum, wir sind jetzt in irgendeiner Bar und da flippern so Asiaten und dieser Flipper macht unfassbare Geräusche und ein Mann steht in einer Telefonzelle. B-U-R-I-A-N-A-C-K sagt er. Das ist sein Name. Er buchstabiert ihn. Offenbar will diese Person am anderen Ende der Leitung das nicht kapieren. B-U-R-I-A-N-A-C-K sagt er. Und dann. B wie B-U-R-I-A-N-A-C-K. U wie U-R-I-A-N-A-C-K. R wie R-I-A-N-A-C-K. I wie I-A-N-A-C-K und so weiter. Das ist sehr sehr lustig. So lustig, dass sich das eingefräst hat in mein Gehirn. Ich muss da sehr oft dran denken. Funktioniert natürlich trotzdem nicht das jemandem jetzt zu vermitteln. Ist wahrscheinlich auch gar nicht so lustig. Aber das ist egal. Denn Boy meets Girl ist mein Lieblingsfilm.

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Leos Carax hat neulich in Harmony Korines Mister Lonely ein Charly-Chaplin-Look-a-Like gespielt. Er hat mit Michel Gondry und Bong Joon-Ho einen Film über Tokyo gedreht und in seinem Wikipedia-Eintrag steht schon sehr lange, dass er an einem Film arbeitet der Scars heißen soll.

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Es ist 2010. Ich könnte noch auf ein paar Sachen eingehen. Die weiteren Filme. Der endlose Entstehungprozess von den Liebenden von Pont-Neuf. Juliette Binoche, das Ende musste umgeschrieben werden, musste positiver werden, die Filmfirma wollte das so. Pola X, in Cannes mochte man den, sonst offenbar nicht, basiert auf einem Stück von Melville. Catherine Deneuve spielt da mit. Sie ist eine der tollsten Frauen der Welt. Carax verschwindet. Dreht für ein Filmfest in Wien einen Ein-Minuten-Film. Er wird darum gebeten. Den gibt es bei Youtube. Den kann man sich anschauen. Wenn man ein bisschen sucht, dann findet man im Moment auch Boy meets Girl. Und zwar ganz. In Stücke geschnitten. Es ist 2010. Wieso sollen wir ins Kino gehen.

Der Text war für so ein anderes Magazin. Keine Ahnung ob es das inzwischen auf Papier gibt. Ich hab das Bild da oben entliehen. Ich hoffe, das ist okay Vinzenz?!

Neue Probleme #4

Weitermachen. Don’t cry – work. Ich ging rein. Die Tür quietschte ein bisschen. Ich geh wieder rein. Keine Illusionen mehr. Kauen und warten. Méréglise. NEUE PROBLEME – Das Magazin mit heißen Geschichten. Es gibt kein Editorial. Keine Info-Kästen. Und keine Werbung. Es gibt deutsch- und englischsprachige Texte über Kunst, Musik und den Rest. Es gibt Illustrationen und Bilder von den Besten, Unbekanntesten und den Verrücktesten. NEUE PROBLEME erscheint seit 2006 einmal im Jahr auf Papier.

Donnerstag, 17.9.09 – Release im Kölnischer Kunstverein, Die Brücke, Hahnenstraße 6, Köln, 19 Uhr

Freitag, 18.9.09 – Magazin-Launch in der Arty Farty Gallery, Maastrichter Straße 49, Köln, 19 Uhr

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NEUE PROBLEME #4

80 pages, 16 b/w pictures, 7 colour fotos as an extra, 8 Euro, ISSN 1866-105X.

Publishers: Marcus Bösch, Mario Lasar Editorial Staff: Marcus Bösch, Elisabeth Moch, Katharina Poblotzki, Amélie Schneider.

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—Sold out!—

Mitarbeiter

TAUFIQUE AHMED: I’m a Research Analyst working in Channel i, a private satellite television in Bangladesh. I love music, films, television media and the online world. Most of the time, I love spending my time with my computer, both in office and at home.

FELICIA ATKINSON currently resides in Brussels, Belgium. She’s got an English name because of her grand grand father, but she was a lonely child raised by her Polish mom and her Parisian father in an appartment surrounded by books. Her work is inspired by two ways of thinking: the Japanese wabi-sabi philosophy of the unfinished, and the lo-fi folk in music.
lowfifelicia.blogspot.com

TRACY BRANNSTROM: I’m 22 and live in Chicago and… I don’t know. idreamrainbows.blogspot.com

MAURITS DE BRUIJN: If he does not write, he makes drawings. If he does not draw, he dances in his living room. If he is in his living room, he dances. mauritsdebruijn.tumblr.com

MARCUS BÖSCH hat noch Pläne.

TARA DARBY grew up by the seaside and now lives and works in East London – she likes to combine portraiture, documentary and fashion, carries a camera everywhere and swims in the open air as much as possible.

MADELEINE DAVIES-HAYES is a recent graduate of Oberlin College aka Hipster college. She now lives in Philadelphia with her unemployed boyfriend, where she works for corporate America and wears a lot of blazers.

MIRKO DRILLER lebt in Berlin, hat eine Internetphobie entwickelt und geht gerne im Park spazieren.

JONATHAN FORSYTHE was born 7 lbs 6 ounces in Kentvillle, Nova Scotia, the son of Marsha and Douglas and brother of Stephanie. www.jonathanforsythe.com

DAVE GEETING lives in Brooklyn, NY and attends School of Visual Arts for a BFA in photography. He takes his camera everywhere and gets lucky sometimes. He hasn’t had a good night’s sleep in years.
www.davegeeting.com

Die BRÜDER GONCOURT sind 1822 und 1832 geboren und leben zur Zeit in Dortmund. Sie beschäftigen einen Butler, der mit ihren Chinoiserien nichts anfangen kann. Einmal im Jahr wird in ihrem Namen ein Literaturpreis verliehen; das ist ihre einzige Verbindung zur Welt der Beaux arts.

NORA HALPERN is from Zuerich, right now in Chicago making shoes and things and other things.

STEPHAN HERCZEG wohnt, schläft, arbeitet und isst in Köln. Manchmal auch woanders.

MATHILDE JOCHUM-FUCHS ist gerade nach New York gezogen und kommt im Herbst in die dritte Klasse. Am liebsten ist sie wild und spielt draußen und sie findet es toll, dass New York am Meer liegt.

SEA HYUN LEE’s »Between Red« paintings are originally in red colour. They are carefully crafted using a manner of construction that is akin to collage, a constant and obsessive shuffling of recurring layers. Lee endlessly revisits and reconstitutes the landscape of the DMZ, the Demilitarized Zone, cutting across the Korean Peninsula that acts as a buffer zone between North and South Korea. »When I was serving my mandatory military service, I would be in a tactical area at night, close to the border. I would wear night vision goggles, which coated everything in red. The forests and trees felt so fantastic and beautiful. It was unrealistic scenery filled with horror and fear, and with no possibility of entering.« Lee’s imagined landscapes function both on a political and on an aesthetic level, but these are also deeply personal works. They reference Lee’s own sense of the past and its losses, infusing a sophisticated sense of nostalgia, and a wry idea of utopia. union-gallery.com

SOPHIA MARTINECK arbeitet als Illustratorin in Berlin, fährt gern Fahrrad und kocht britisches Essen in ihrer Freizeit.
martineck.com

ELISABETH MOCH is an illustrator from Germany, currently living in Berlin-Neukölln in a big room with 35 flowers. She wonders where she will be when the next issue of Neue Probleme comes out. elisabethmoch.com

JENNY MÖRTSELL is just another Swedish illustrator based in Brooklyn, NY. She believes in love, the power of music and beer. jennysportfolio.com

MARIO LASAR is the greatest dancer.

Ich heiße MALINA VON RETH und gehe in die 9. Klasse des Albertus-Magnus-Gymnasiums. In meiner Freizeit gehe ich Reiten und Voltigieren und treffe mich gerne mit meinen Freunden.

AMÉLIE SCHNEIDER sucht Erfrischung im benachbarten Entenbach, der in nächster Nähe fließenden Isar und dem im Umkreis da liegenden Ammersee. Ihren kargen Balkon versucht sie mit Herbst-anemone, Fingerpflanze und Söckelblume einladend zu gestalten. Insgesamt ganz schön.

FLORIAN SIEPERT lebt in Hamburg. Er schreibt gelegentlich über Nahrungsmittel und veranstaltet noch gelegentlicher darauf bezogene Events wie das Porkcamp. Wegen der dafür nötigen Recherche ist er ein bisschen dick, aber sehr zufrieden.

SUFJAN STEVENS ist ein US-amerikanischer Singer-Songwriter und Musiker. Unter anderem spielt er Gitarre, Banjo, Klavier, Orgel, Bass, Oboe, Saxophon, Querflöte, Akkordeon und Schlagzeug. Zurzeit lebt er in New York.

MÄRTA THISNER was born in Uppsala in 1981 and now lives and works in Stockholm. She doesn’t like writing texts but sometimes she likes to dance with half naked friends at sunrise and take perfect pictures of it. www.martathisner.com

KATHARINA POBLOTZKI is an editor slash photographer and can be found sharing time between Cologne and Berlin. Every time she reads a sentence like that, it makes her cringe. Katharina likes to take photographs of (in no particular order): Popstars, dogs and friends, and she hopes you’re awesome: www.katharinapoblotzki.com

DIANE VINCENT came into the world in Palermo and was living in Leipzig and Berlin Marzahn and went to Paris and LA. These days she is into exploring Berlin again, looking for pictures in backyards and shooting with naked Mädchen in the woods. She  also likes to eat good and local food. www.dianevincent.de

PETER ZACHARY VOELKER, 22, homeless in NYC with his cat named Lily, working at a bar and missing his girlfriend.

HANNA WIESLANDER likes picasso ceramics and is into plaster and steel wire with passion. She adores the human body.
hannawieslander.se

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The Dome

Am Freitag, den 21.08.09, war ich mit meinen vier Freundinnen bei The Dome 51 in der Lanxess Arena. Erst sind wir zu einer von ihnen gegangen um uns zu stylen. Dann mit der Bahn zur Arena, wo wir dann um 15:30 waren, dort haben wir uns in die lange Schlange gestellt. Zwischendurch kamen immer wieder Personen vorbei die einem Getränke, Eis oder Schlüsselbänder anboten. Nach einer Stunde und 30 Minuten, warten in der Hitze, war dann endlich Einlass, wo es ein großes Gedrängel um die vorderen Plätze gab. Obwohl wir nicht ganz so früh da waren, bekamen wir einen relativ guten Platz in der 6. Reihe. Dann wurde moderiert um die Zeit zu vertreiben und um 19:00 begannen die Auftritte. Eröffnet wurde mit einem großen Feuerwerk und einer Bombe aus Konfetti. Die besten Acts kamen natürlich am Anfang, das waren Frauenarzt, Cinema Bizarre und Sunrise Avenue. Allerdings ging es nach eines kurzen Pause im zweiten Teil auch gut weiter mit Milow , Emiliana Torrini und dem Comeback der No Angles. Während der Auftritte war gute Stimmung, alle tanzten, kreischten und sangen mit. Vor allem bei Justin Bieber, dem 15-jährigen Newcomer. Um halb 11 war The Dome dann auch schon wieder vorbei und wir wurden abgeholt. Es war schade das der Abend so schnell vorbei war, allerdings waren wir auch sehr geschafft vom langen stehen, weil wir Stehplätze hatten. Beim nächsten The Dome im November, was dann Nummer 52 wäre, würden wir auch gerne dabei sein, allerdings ist der Dome dann in Österreich.

Felicia Atkinson

NEUE PROBLEME VIDEO #3: FELICIA ATKINSON

Three Frames

Ab jetzt gibt es hier ab und zu kleine Videos. Übrigens auch mobil optimiert. Also iPhone aus der Hosentasche und www.neue-probleme.de eintippen.

http://threeframes.net/

Macau, meine Herren

Auf der Rua Cidade da Sinatra reitet ein purpurnes Männchen einen Tiger. Ich sitze im 17. Stock des Royal Macau und trinke Jasmintee. Die Klimaanlage summt leise, der Teppichboden schmeichelt meinem nackten Fuß. Da draussen hinten ist eine beleuchtete Brücke, da draussen hinten ist das Meer, es ist kohlrabenschwarz und dämmert orange.

Wynn Macau is a luxury integrated resort in Macau, People’s Republic of China, offering gaming combined with a deluxe hotel, designer shops and a choreographed performance lake.

Der Performance Lake performt alle 15 Minuten von 11am bis 12pm. Jetzt gerade läuft dazu Bonnie Tyler vom Band. Die bunte Wasserfontänen wiegen sich im Takt. Der Wind sprüht zerstobene Gischt, benetzt Gesichter, kühlt angenehm zusammen mit dem leichten Wind. Es ist sehr warm. Das Wasser schmeckt salzig.

Drinnen dauert es noch 20 Minuten bis zur Show an der Rotunde. In der so genannten Esplanade gibt es einen schönen riesigen weichen bunten Teppichboden und 24 Geschäfte. Natürlich ist der Chanel-Store der schönste von allen. Hier kauft niemand ein. Dünne kleine chinesische Verkäuferinnen stehen gut gekleidet, gut gekämmt und gut beschuht in den voll klimatisierten leeren Räumen. Karl Lagerfeld würde das gefallen. Vielleicht gibt es Cola. In einem Kristallglas von Baccarat. Chinesische Männer tragen Kurzarm-Trainingsanzüge von Ferrari und die Louis Vuitton Umhängetasche Abbesses mit verstellbarem Textilriemen. Sie kostet 1330 US-Dollar und ist sehr hässlich.

Es gibt zwei Shows an der Rotunde. Eine zur vollen und eine zur halben Stunde. Es beginnt immer mit einem Donner, mit dem Dimmen des Lichtes und mit sehr viel künstlichem Nebel. Dann öffnet sich eine Plastickreliefkuppel auf dem Boden und langsam ganz langsam dreht sich aus der Dunkelheit ein riesiger goldfarbener Plastik-Drache mit rot blinkenden Plastikaugen und dampfenden Plastiknüstern. Dazu dramatische Musik. Und eine Lotusblüte die – warum weiß ich nicht – auf dem Körper des Drachen montiert ist, jetzt angestrahlt wird und sich dabei leicht öffnet. Der Drache schraubt sich weiter in den Raum, schraubt sich in die Rotunde, ach bitte kann er sein Maul öffnen, Nein, Schade, er dreht sich und die Musik wird lauter und das gaffende Volk tritt zurück, macht Platz für den dampfenden Glücksdrachen, der sich dreht und blinkt und guckt und nichts kann und nichts tut außer unter Getöse zu verschwinden. Im Boden. Bis zum nächsten Mal. In einer halben Stunde öffnet sich hier zusätzlich die Decke.

Auf der Rua Cidade da Sinatra reitet kein purpurnes Männchen einen Tiger. Aber der Markusturm von Venedig steht hier ganz in der Nähe. Originalgetreu im Außenbereich des Venetian Resorts. Er ist 98,6 Meter hoch. Der höchste Turm Venedigs. Niemand sieht ihn. Er verliert sich. Das Venetian ist fast so groß wie das Pentagon und größer als sein Zwilling in Las Vegas. Eine Millionen Quadratmeter Geschossfläche, ein künstliches Kanalsystem mit Gondolieren und ab 35 Tischen Hochzeitsgesellschaft eine kostenlose Maske für Braut und Bräutigam. 2,4 Milliarden US-Dollar Baukosten. Mindesteinsatz an der Slotmaschine: 2 Hong Kong Cent – das sind 0,003 US-Dollar.

Last Exit Messe Deutz

Die art-cologne-Woche beginnt immer so: ich sitze zuhause und habe keine Lust, was zu machen, bilde mir aber ein, dass in der ganzen Stadt und in den übrig gebliebenen drei Kölner Kneipen, die in so genannten City-Guides als “Szenebars” bezeichnet werden, die berühmtesten und gutaussehendsten Künstler, Galeristen, Kunstkritiker und Kunstsammler total abfeiern. Jede Nacht. Bis in die frühen Morgenstunden. Mit ganz viel Alkohol und Drogen. Und Sex. Nur ich bin nicht dabei und bekomme deswegen schlechte Laune, weil ich schon wieder keinen schlechten Sex mit Künstlern, Galeristen, Kunstkritikern und Kunstsammlern habe und deshalb in Zukunft doch nicht als Muse in einem lichtdurchfluteten New Yorker Loft wohnen werde, sondern weiterhin als alter Mann in einer unaufgeräumten Wohnung in Köln Neustadt-Nord. Schon schade, irgendwie.

Im WDR-Fernsehen, in der “Aktuellen Stunde”, erzählt ein Reporter, der sonst nur zu Katastrophen und auf Straßenfeste geschickt wird, dass man auf der Kunstmesse “total verrückte Sachen” sehen könne. Meine Lust, auf “die art” zu gehen, sinkt sofort um 80 Prozent. Telefonisch erreichen mich Horrormeldungen über in Berliner Bunkern lebende Kunstsammler, die auf der Kunstvereins-Party zu Amanda Lears “My Alphabet” ausgeflippt tanzen. Meine Lust, auf Partys zu gehen, sinkt um 100 Prozent.

Sonntag, 14.30 Uhr. Wenn ich jetzt nicht sofort mit der S-Bahn nach Deutz fahre, schaffe ich es wieder nicht auf die Kunstmesse. Auf dem Bahnsteig ist es widernatürlich sommerlich und warm und hell und der deutschtürkische Twen mit den Sportklamotten rechts neben mir am Treppengeländer sieht eigentlich super aus. Vielleicht wäre ja eine Einzimmer-Wohnung in Köln-Kalk auch eine Alternative zum New Yorker Loft. Am Messe-Eingang stehen Hostessen mit blauen und roten Hüten herum und winken mir nicht zu, was ich aber gut gefunden hätte.

Eigentlich möchte ich nur Claus Richters Arbeit “Rats!” sehen, ein ungefähr fünf Meter langer Aufbau, durch den man durchgehen kann und der wie eine viktorianische, schumuddelige Londoner Gasse mit verklinkerten Ladenfassaden aussieht. In Schaufenstern sind historische Drucke und Quality-Street-Bonbondosen zu sehen, über einem hängen schmutzige Unterhemden auf einer Wäscheleine und überall sitzen kleine selbstgebastelte Ratten auf Säcken. Von außen sieht das Gassending total zusammengenagelt und verbrettert aus, was mir auch gut gefällt.

Auf der Messe laufen so viele stereotypische Leute rum, dass man das Gefühl hat, alle persönlich zu kennen. Aber eigentlich kennt man kaum jemanden. Zum Beispiel auch nicht die grauhaarige Frau mit der roten Brille, die ich schon aus der Ferne grüßte, weil ich dachte, sie sei die lesbische Professorin aus Krefeld, die bei mir im Haus wohnt. Es war aber eben nur eine fremde grauhaarige Frau mit roter Brille und ich habe dann schnell woanders hingeschaut.

Und sonst noch so: Im Stockwerk mit den Klassikern liegt Teppichboden, auf der Etage mit der zeitgenössichen Kunst nicht.

Als ich mal mit dem Außenminister allein war

Ich stand in einer Art Lagerhalle. Draussen war es nass und ein bisschen zu kalt für Ende April. Es war vielleicht zehn Uhr abends. In dieser Lagerhalle waren: einige kleine Bartresen, einige Kunstobjekte – ein riesiger leuchtender Stern an der Wand, Videokunstboxen mit irgendwelchen Kunstvideos – und ein ganzer Haufen von Menschen aus dem – keine Ahnung wie man das sagen soll – gehobenen Politik- und Kulturmilieu der deutschen Hauptstadt. Das ganze war ein Kulturempfang des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier. Das ganze war Teil einer Veranstaltung mit dem wahnwitzigen – an Behindertenorganisationen erinnernden – Titel „Menschen bewegen“.

Ich hatte einen neuen Anzug an und trank ein Glas Rotwein, das ich mir – obwohl ich natürlich keine Ahnung von wirklich guten Weinen habe – irgendwie besser vorgestellt hatte. Es war unglaublich laut da in dieser Lagerhalle. Es gab eine Bühne und auf der stand Klaus Hoffmann. Das ist ein Liedermacher, der französische Chansons auf deutsch singt, sehr gut mit Reinhard Mey befreundet ist und irgendwie mal krank war. Hoffmann sang französische Chansons auf deutsch und ich kam mir so fehl am Platz vor, weil mein Vater mal eine Hoffmann-Kassette hatte und diese früher im Auto hörte und im Wohnzimmer und ganz begeistert war von Hoffmann und vielleicht wäre es besser gewesen wenn er jetzt hier gewesen wäre und dann hätte er „Mensch toll“ sagen können und er hätte nicht am Rotwein herumgemäkelt, denn zuhause gibt es immer nur einen und der schmeckt eben.

Hier gab es laue kleine Würste in Ketchup-Gläsern und zusammengerollte Schinkenscheiben und Fingerfoodbackfischremoulade und alles in allem sollte das wohl deftig, nahrhaft und auch gewitzt sein. Also ein bisschen so wie der Außenminister. Ich dachte der wäre schon lange gegangen, weil so ein Arbeitstag ja unglaublich lang sein muss und ich dachte, dass eigentlich alle wirklich wichtigen Leute jede Art von Empfang nach genau sieben Minuten verlassen. Zumindest habe ich mal irgendwo gelesen, dass man nach sieben Minuten gehen kann, ohne unhöflich zu sein. Und weil Wahlkamf ist, darf der Außenminister ja im Idealfall überhaupt und gar nicht mehr unhöflich sein bis zum Herbst. Außer natürlich zur CDU, dem Iran oder zu Feinden der Demokratie.

Ich trank noch viel mehr Rotwein, sah ein Serge Gainsbourg-Look-a-Like mit leichtem Sommeranzug, ein Mitglied der Einstürzenden Neubauten offenbar, das Bier trinkend irgendeine Art von Weltmusik auflegte die unglaublich egal und sehr passend war. Ich ging auf die Toilette. Stand am Urinal. Was ich nie mache. Und dann hörte ich die knarzende Stimme. Und dann war da Frank-Walter Steinmeier. Und wir waren allein. „Ich geh nochmal eben hier“. Mein Kopf dachte über die Syntax des Satzes nach. Mein Körper machte weiter. Und Frank-Walter Steinmeier ging in eine der zwei Kabinen. Und dann? Nichts. Ich wusch mir die Hand. Sah einen Bodyguard mit Knopf im Ohr, nahm ein Taxi und ging schlafen. Ich hab nicht mit ihm geredet. Was auch. Guten Tag? Alles Gute für den Herbst?

Frank-Walter Steinmeier wuchs in der heute zur Stadt Schieder-Schwalenberg gehörenden Gemeinde Brakelsiek auf. Durch den Ort verläuft die Bundesstraße 239. Frank-Walter Steinmeier will im Herbst 2009 Bundeskanzler werden.