1980
Es ist 1980, Spätherbst, 19.30 Uhr. Alles was länger als dreißíg Jahre zurückliegt, lässt sich nicht mehr auf Wochentage, Werktage, Wochenenden spezifizieren. Was bleibt sind Jahreszahlen, Jahreszeiten, Uhrzeiten, Gedächtnislücken und Vitaverfälschungen. Und Amerikanismen wie „Es ist 1980“ statt „Man schreibt das Jahr 1980“. Ein weiterer Amerikanismus besteht darin, dass ich 1980 um 19.30 Uhr in einer McDonald’s-Filiale einer deutschen Großstadt stehe. Hinter der Kasse. In einer dunkelblauen McDonald’s-Uniform. In einem zu weiten Oberteil mit ein paar gelb-blauen Streifen im Schulterbereich. In zu kurzen, wie Chinos geschnittene Hosen. Ich bin sehr jung, dünn und groß, passe schlecht in amerikanische Normgrößenkleidung, habe wenig Geld und arbeite schlechtbezahlt im ersten und einzigen McDonald’s der Stadt. Sechs Mark pro Stunde plus eine Mahlzeit pro Schicht im Wert von fünf Mark. Das sind entweder zwei Cheeseburger und eine große Pommes und eine mittelgroße Cola oder ein Big Mac und eine kleine Pommes und eine kleine Cola. Bescheißen geht nicht, weil man sein Pausentablett dem Restaurantmanager zeigen muss, bevor man in den Aufenthaltsraum im ersten Stock darf. Der Restaurantmanager ist Mitte dreißig, trägt einen Schnauzbart, sieht ganz gut aus und wird vier Jahre später an AIDS sterben. Zum Glück weiß er das jetzt noch nicht. Deshalb ist er noch gut gelaunt, schaut nicht richtig auf das Tablett und sagt „okay“. Im Aufenthaltsraum im ersten Stock sitzt Herr Singh vor seinem Tablett mit drei Apfeltaschen. Herr Singh ist Pakistani, kann kein Deutsch, nur Englisch, und darf deshalb nicht an der Kasse arbeiten. Wer nicht an der Kasse arbeitet, muss die Scheißjobs machen: Burger grillen, Burger verpacken, Apfeltaschen frittieren, in der Tiefkühlkammer arbeiten und wenn das Restaurant um Mitternacht schließt, bis morgens um vier die Grillplatten, die Fritteusen und den fetttriefenden Küchenboden putzen. Herr Singh ist immer gut gelaunt, lacht viel und macht Witze auf Englisch, die man oft nicht versteht. Er ist politischer Asylant und erzählt oft von seiner Familie, von unzähligen Nichten, Cousinen, Geschwistern, Onkeln und Tanten, die er in Pakistan zurücklassen musste und mit seinem McDonald’s-Gehalt finanziell unterstützt. Dann ist die Pause auch schon vorbei, Herr Singh zieht sich einen Parka an, verschwindet in die Tiefkühlkammer und ich stehe wieder an der Kasse. Mir ist langweilig. Aus den Lautsprechern im Restaurant plätschert nervige Instrumentalmusik, goldene Evergreens oder sowas ähnliches. Bei der letzten Mitarbeiterversammlung hatte meine Kollegin Marion vorgeschlagen, ob sie nicht mal ein paar Kassetten mit Discomusik mitbringen dürfte. Sie fände die – wie sie es nannte – „Fahrstuhlmusik“ zum Kotzen. Der Restaurantmanager lehnte ihren Vorschlag ab. Es gäbe Vorgaben aus Amerika und keinesfalls dürfe andere Musik gespielt werden. Außerdem wäre das Kassettenformat ein anderes. Dann ergreift der Assistent des Managers das Wort. „Apropos Kassetten“, sagt der Managerassistent, „die neuen Betamax-Schulungsvideos für das Kassenpersonal sind diese Woche eingetroffen und müssen angeschaut werden.“ Marion verdreht die Augen. Der Managerassistent ist blond, hat wulstige Lippen, sieht nicht so gut aus, ist aber trotzdem schwul. Zwei Jahre später wird er wegen Unterschlagung und Diebstahl von der Polizei gesucht, aber nicht gefunden. Er wird sich nämlich zusammen mit dem Restaurantmanager und sehr viel Geld ins Ausland abgesetzt haben. Eine Entscheidung, zu der man dem Restaurantmanager in Anbetracht seiner kurzen Lebenserwartung nachträglich nur gratulieren kann. Jetzt sind beide aber noch da, fälschen die Kassenbücher und spendieren mir nach Feierabend in der Schwulendisco immer Longdrinks. „Auf der Arbeit“, raunt mir der Restaurantmanager in der Schwulendisco ins Ohr, „müssen wir uns aber wieder siezen.“ Es ist 1980, Spätherbst, 19.30 Uhr. Ich stehe neben Marion an der Kasse, sieze den Restaurantmanager und wippe zu einer Violinenversion von „There’s a kind of hush“ mit dem Fuß, während Herr Singh tiefgefrorene Pommes Frites in die Fritteuse kippt. Es stinkt nach Fett, ich sehe in der blauen Uniform beschissen aus und mir ist langweilig, aber irgendwie passt alles ganz gut zusammen.
Stephan Herczeg hat sich kürzlich in Gustav Mahler verliebt, würde gerne in London, Tokyo, San Francisco und Madrid leben, aber dann ist alles doch ganz anders gekommen.
