Als ich mal mit dem Außenminister allein war

by admin

Ich stand in einer Art Lagerhalle. Draussen war es nass und ein bisschen zu kalt für Ende April. Es war vielleicht zehn Uhr abends. In dieser Lagerhalle waren: einige kleine Bartresen, einige Kunstobjekte – ein riesiger leuchtender Stern an der Wand, Videokunstboxen mit irgendwelchen Kunstvideos – und ein ganzer Haufen von Menschen aus dem – keine Ahnung wie man das sagen soll – gehobenen Politik- und Kulturmilieu der deutschen Hauptstadt. Das ganze war ein Kulturempfang des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier. Das ganze war Teil einer Veranstaltung mit dem wahnwitzigen – an Behindertenorganisationen erinnernden – Titel „Menschen bewegen“.

Ich hatte einen neuen Anzug an und trank ein Glas Rotwein, das ich mir – obwohl ich natürlich keine Ahnung von wirklich guten Weinen habe – irgendwie besser vorgestellt hatte. Es war unglaublich laut da in dieser Lagerhalle. Es gab eine Bühne und auf der stand Klaus Hoffmann. Das ist ein Liedermacher, der französische Chansons auf deutsch singt, sehr gut mit Reinhard Mey befreundet ist und irgendwann mal in Afghanistan war. Hoffmann sang französische Chansons auf deutsch und ich kam mir so fehl am Platz vor, weil mein Vater mal eine Hoffmann-Kassette hatte und diese früher im Auto hörte und im Wohnzimmer und ganz begeistert war von Hoffmann und vielleicht wäre es besser gewesen wenn er jetzt hier gewesen wäre und dann hätte er „Mensch toll“ sagen können und er hätte nicht am Rotwein herumgemäkelt, denn zuhause gibt es immer nur einen und der schmeckt eben.

Hier gab es laue kleine Würste in Ketchup-Gläsern und zusammengerollte Schinkenscheiben und Fingerfoodbackfischremoulade und alles in allem sollte das wohl deftig, nahrhaft und auch gewitzt sein. Also ein bisschen so wie der Außenminister. Ich dachte der wäre schon lange gegangen, weil so ein Arbeitstag ja unglaublich lang sein muss und ich dachte, dass eigentlich alle wirklich wichtigen Leute jede Art von Empfang nach genau sieben Minuten verlassen. Zumindest habe ich mal irgendwo gelesen, dass man nach sieben Minuten gehen kann, ohne unhöflich zu sein. Und weil Wahlkamf ist, darf der Außenminister ja im Idealfall überhaupt und gar nicht mehr unhöflich sein bis zum Herbst. Außer natürlich zur CDU, dem Iran oder zu Feinden der Demokratie.

Ich trank noch viel mehr Rotwein, sah ein Serge Gainsbourg-Look-a-Like mit leichtem Sommeranzug, ein Mitglied der Einstürzenden Neubauten offenbar, das Bier trinkend irgendeine Art von Weltmusik auflegte die unglaublich egal und sehr passend war. Ich ging auf die Toilette. Stand am Urinal. Was ich nie mache. Und dann hörte ich die knarzende Stimme. Und dann war da Frank-Walter Steinmeier. Und wir waren allein. „Ich geh nochmal eben hier“. Mein Kopf dachte über die Syntax des Satzes nach. Mein Körper machte weiter. Und Frank-Walter Steinmeier ging in eine der zwei Kabinen. Und dann? Nichts. Ich wusch mir die Hand. Sah einen Bodyguard mit Knopf im Ohr, nahm ein Taxi und ging schlafen. Ich hab nicht mit ihm geredet. Was auch. Guten Tag? Alles Gute für den Herbst?

Frank-Walter Steinmeier wuchs in der heute zur Stadt Schieder-Schwalenberg gehörenden Gemeinde Brakelsiek auf. Durch den Ort verläuft die Bundesstraße 239. Frank-Walter Steinmeier will im Herbst 2009 Bundeskanzler werden.