Last Exit Messe Deutz

by admin2

Die art-cologne-Woche beginnt immer so: ich sitze zuhause und habe keine Lust, was zu machen, bilde mir aber ein, dass in der ganzen Stadt und in den übrig gebliebenen drei Kölner Kneipen, die in so genannten City-Guides als “Szenebars” bezeichnet werden, die berühmtesten und gutaussehendsten Künstler, Galeristen, Kunstkritiker und Kunstsammler total abfeiern. Jede Nacht. Bis in die frühen Morgenstunden. Mit ganz viel Alkohol und Drogen. Und Sex. Nur ich bin nicht dabei und bekomme deswegen schlechte Laune, weil ich schon wieder keinen schlechten Sex mit Künstlern, Galeristen, Kunstkritikern und Kunstsammlern habe und deshalb in Zukunft doch nicht als Muse in einem lichtdurchfluteten New Yorker Loft wohnen werde, sondern weiterhin als alter Mann in einer unaufgeräumten Wohnung in Köln Neustadt-Nord. Schon schade, irgendwie.

Im WDR-Fernsehen, in der “Aktuellen Stunde”, erzählt ein Reporter, der sonst nur zu Katastrophen und auf Straßenfeste geschickt wird, dass man auf der Kunstmesse “total verrückte Sachen” sehen könne. Meine Lust, auf “die art” zu gehen, sinkt sofort um 80 Prozent. Telefonisch erreichen mich Horrormeldungen über in Berliner Bunkern lebende Kunstsammler, die auf der Kunstvereins-Party zu Amanda Lears “My Alphabet” ausgeflippt tanzen. Meine Lust, auf Partys zu gehen, sinkt um 100 Prozent.

Sonntag, 14.30 Uhr. Wenn ich jetzt nicht sofort mit der S-Bahn nach Deutz fahre, schaffe ich es wieder nicht auf die Kunstmesse. Auf dem Bahnsteig ist es widernatürlich sommerlich und warm und hell und der deutschtürkische Twen mit den Sportklamotten rechts neben mir am Treppengeländer sieht eigentlich super aus. Vielleicht wäre ja eine Einzimmer-Wohnung in Köln-Kalk auch eine Alternative zum New Yorker Loft. Am Messe-Eingang stehen Hostessen mit blauen und roten Hüten herum und winken mir nicht zu, was ich aber gut gefunden hätte.

Eigentlich möchte ich nur Claus Richters Arbeit “Rats!” sehen, ein ungefähr fünf Meter langer Aufbau, durch den man durchgehen kann und der wie eine viktorianische, schumuddelige Londoner Gasse mit verklinkerten Ladenfassaden aussieht. In Schaufenstern sind historische Drucke und Quality-Street-Bonbondosen zu sehen, über einem hängen schmutzige Unterhemden auf einer Wäscheleine und überall sitzen kleine selbstgebastelte Ratten auf Säcken. Von außen sieht das Gassending total zusammengenagelt und verbrettert aus, was mir auch gut gefällt.

Auf der Messe laufen so viele stereotypische Leute rum, dass man das Gefühl hat, alle persönlich zu kennen. Aber eigentlich kennt man kaum jemanden. Zum Beispiel auch nicht die grauhaarige Frau mit der roten Brille, die ich schon aus der Ferne grüßte, weil ich dachte, sie sei die lesbische Professorin aus Krefeld, die bei mir im Haus wohnt. Es war aber eben nur eine fremde grauhaarige Frau mit roter Brille und ich habe dann schnell woanders hingeschaut.

Und sonst noch so: Im Stockwerk mit den Klassikern liegt Teppichboden, auf der Etage mit der zeitgenössichen Kunst nicht.